BUSHRA

Für mich war der wohl bewegendste Moment des vergangenen Jahres, die Ankunft unserer jemenitischen Gastkinder. Am 13. Dezember fuhren wir mit einem Team des Hammer Forum zum Frankfurter Flughafen, um dort die acht schwerkranken Kinder, die zusammen mit unserem Arzt Dr. Ali aus Taiz angereist waren, abzuholen. Die Nacht zuvor hatte ich nicht schlafen können. Der Gedanke, wie es für diese Kinder sein musste, auf unbestimmte Zeit in ein vollkommen fremdes Land, ohne ihre Eltern, dafür aber mit einer völlig anderen Kultur und einer unbekannten Sprache zu reisen, hatte mich nicht losgelassen. Allein die Vorstellung, meine eigene dreijährige Tochter Hannah in einer ähnlichen Situation fortschicken zu müssen, hatte mich schlaflos im Bett herumwälzen lassen. Es war kalt in Frankfurt, knapp über 0 Grad als wir am Flughafen ankamen. Als sich  nach langem Warten endlich der Ausgang öffnete und die Kinder, in kleinen Elektroautos auf uns zurollten, offenbarte sich mir jedoch ein vollkommen anderes Bild als ich erwartet hatte.

 

Diese Kinder waren nicht verstört oder verängstigt. Im Gegenteil, sie schauten uns mit ihren großen Augen fröhlich und vertrauensvoll an. Anscheinend hatten ihre Eltern ihnen vor dem Abflug vermitteln können, dass die Reise nach Deutschland ihre Chance sein würde, endlich gesund zu werden. Die meisten von ihnen schienen für die Reise besonders fein gemacht worden zu sein. Sie trugen gute und warme Kleidung, die unserem europäischen Stil sehr ähnelte. Nur eines der Mädchen- die Kleinste-trug trotz der Kälte keine Schuhe. Sie war barfuß, nur mit einem dünnen traditionellem Kleid und einem Kopftuch bekleidet. Es war Bushra.


Wir machten uns auf den Weg, die Kinder in unseren verschiedenen Partnerkrankenhäusern in Nordrhein Westfalen und in Niedersachsen abzuliefern. Bushra sollte als letztes der Kinder ins städtische Klinikum in Soest gebracht werden. Bald bemerkten wir einen merkwürdigen, leicht süßlichen Geruch, der von ihr ausging. Wir dachten zunächst, sie habe sich während der langen Reise  in die Hose gemacht. Doch bei der Aufnahme im Krankenhaus bekamen wir die traurige Diagnose der Ärzte: Ihr Unterschenkel war so sehr entzündet, dass ihr Schienbein aufgeplatzt war. Der merkwürdige Geruch kam von dem toten Knochen und dem verwesenden Fleisch. Selbst die erfahrenen Mediziner schüttelten den Kopf, als sie das Bein sahen. Wenn es überhaupt zu retten war, würde es sehr lange dauern, bis Bushra wieder entlassen werden könnte. Wäre sie nicht zur Behandlung nach Deutschland gekommen, hätte das Bein vermutlich amputiert werden müssen

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Über die Weihnachtsfeiertage ließ mich der Gedanke an Bushra nicht los. Sie ist vermutlich nur ein wenig älter als meine eigene Tochter. Wie würde das kleine Mädchen im Krankenhaus mit ihren Ängsten, ihrem Heimweh und mit ihren Schmerzen zurecht kommen? Bushra war auf der Isolierstation untergebracht. Im Krankenzimmer lag sie also ganz allein. Alle paar Tage wurde sie von einer Frau aus Soest besucht. Doch dazwischen lagen so viele Stunden, die sie allein verbringen musste. Bei nächster Gelegenheit beschloss ich, mit Hannah nach Soest zu fahren, um Bushra zu besuchen.
Als wir das Krankenzimmer betraten, erkannte Bushra mich sofort wieder. Sie strahlte. Hannah ging auf sie zu und schenkte ihr ein Paket Buntstifte. Keine fünf Minuten später hockten die Mädchen zusammen auf dem Boden und malten. Sie hatten sofort Freundschaft geschlossen.



Seitdem sind wir mindestens einmal die Woche nach Soest gefahren. Die beiden Mädchen verstehen sich blendend. Bei jedem unserer Besuche konnte Bushra besser deutsch verstehen und auch sprechen. Für Hannah waren die vergangen Wochen und Monate eine besondere Erfahrung. Sie hat inzwischen viel über Rücksichtnahme gelernt, darüber, dass es nicht allen Kindern gleich gut geht und dass man sich manchmal im Umgang mit anderen Menschen selbst etwas zurücknehmen muss. Und auch wenn ein Ausflug ins Krankenhaus sicherlich normalerweise nicht unbedingt das liebste Ausflugsziel einer Dreijährigen ist, freut sich Hannah immer schon auf den Tag, an dem wir endlich wieder ihre Freundin Bushra besuchen können.


 

Anfang April, verkündete uns Bushras behandelnder Arzt, Dr. Schneider, dass Bushra sehr viel schneller genesen sei, als man es jemals hätte erwarten können. Sie konnte aus dem Krankenhaus entlassen werden. Meine Familie und ich, wir mussten nicht lange überlegen, wenn Bushra schon gesund war, so sollte sie bis zu ihrer Rückreise in den Jemen bei uns in der Familie einziehen. Hannah freute sich wahnsinnig, dass ihre Freundin für eine Weile mit ihr das Zimmer teilen sollte. Die Erfahrungen, die wir während dieser Zeit machen konnten, werden wir wohl alle niemals vergessen. Die Bilder sprechen für sich.

 


   

Am ersten Mai schließlich ging der Flieger zurück nach Sanaa. Unser Arzt, Dr. Emmanouilidis, begleitete Bushra zusammen mit drei weiteren jemenitischen Kindern zurück nach Hause. Der Abschied fiel uns allen nicht leicht. Und doch war klar: Bushra gehört zu ihrer Familie. Sie freute sich darauf, endlich ihre Mama, ihren Papa und ihre Geschwister wiederzusehen. Wir aber wollen auf jeden Fall mit Bushra in Kontakt bleiben. Zusammen mit einigen Freunden haben wir einen Fonds eingerichtet, mit dem wir Bushra eine Schulausbildung finanzieren wollen. Und wer weiß, vielleicht lässt es ja die politische Situation im Jemen schon bald wieder zu, dass ich Bushra auch zu Hause in ihrem heimatlichen Bergdorf besuchen kann?

 


   


 

von Jenny Heimann